Wiesen-5er


Unter Kletterern bekannt, ist eine alpine 5er Tour nicht unbedingt für Anfänger gedacht. Darum haben wir uns als Neulinge im Alpinklettern, für eine kurze Tour mit einer 4er Schlüsselstelle entschieden. Unsere Wahl fiel auf die Partschinser Wasserfall Kletterei – 200 Höhenmeter, 6 Seillängen und immer abenteuerlich neben dem Wasserfall nach oben.

Ich könnte jetzt von der wunderbaren Kletterei schwärmen und von der Herausforderung berichten, neben einem tosenden Wasserfall Seilkommandos zu geben. Doch heute erzähle ich vom Abstieg – denn dem wird viel zu oft keine Aufmerksamkeit geschenkt.

Im Topo lasen wir: „Nach der letzten Seillänge hängt man aus und seilt sich dann 30 Meter von einer Schlaufe an einer Birke zu einem kleinen Steig ab. Von dort steigt man 5 Minuten zur Straße ab.“ Das klang richtig verlockend – aufregend und kurz. Doch als wir die Birke und die Schlaufe sahen, war die Verlockung sich abzuseilen verflogen. Ein nasses, modriges, mit Moos überwachsenes Seilende war um den Stamm geschlungen und rundherum wuchsen hüfthoch Brennesselen. Ich blickte mich um und sah einen Stieg, eine Leiter und ein Seil nach oben hin wegführen – diese Variante sprach uns eher an. Ich erwartete mir von dem, was ich sah eben jenen unspektakulären Abstieg, dem man nie Aufmerksamkeit schenkt. Uns erschien diese Option vielleicht weniger abenteuerlich, aber wesentlich sicherer.  Also dachten wir nicht lange nach, schossen das Seil auf, zogen die Kletterschuhe aus und machten uns auf über die Leiter auf den Weg nach oben, wo wir nach einigen hundert Metern erwarteten zur Straße zu gelangen.

Nach der Leiter folgte eine steile Wiese. Der Steig wurde immer undeutlicher und war schließlich völlig verschwunden. Es donnerte. Eigentlich sollten die Gewitter erst nachmittags kommen. Die Wiese wurde immer steiler und abschüssig. Die Erde war lose und rutschig. Zum Festhalten gab es nichts. Gesichert waren wir natürlich auch nicht mehr – wo auch? Der ergrauende Himmel ließ mich zielstrebig nach oben balancieren. Doch nach einigen hundert Metern standen wir vor einem Felsblock. Links befand sich der Bach, der sich eine kleine Schlucht gegraben hatte. Rechts ging es eine steile Böschung hinunter. Wir sahen einen Felsabbruch und darunter die Straße und einen Bauernhof. Greifbar nah und doch nicht zu erreichen. Schließlich blickten wir nach unten, in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Sollten wir zurück gehen und abseilen? Die steile Wiese wieder hinunterlaufen erschien waghalsig – ein zu schneller Schritt und man wurde den Wasserfall entlang nach unten schlittern. Keine schöne Vorstellung. Es ging also weder nach unten, noch nach oben, links oder rechts. Wir saßen im Gras und spürten die ersten Regentropfen. Nach Warten war uns nicht – worauf auch?

Ich wagte noch einen Versuch und handelte mich nach oben weiter, am Felsen entlang. Plötzlich stand ich vor einem weiteren Brennesseldickicht. „Augen zu und durch!“, dachte ich. Mein Kletterpartner folgte mir. Und tatsächlich, ich konnte es kaum glauben – ich stand auf einem Weg – kein Ziegentrampelpfad, tatsächlich ein ordentlicher Steig. Wir fielen uns heilfroh in die Arme. Als wir endlich zur Straße gelangten, verzog sich das Gewitter wieder und die Sonne kam heraus.

„Irgendwie geht’s immer runter“, heißt es oft. Das mag wohl stimmen, aber oft erwartet man nicht, dass dazwischen noch einige Hindernisse und Gegenanstiege liegen können, die man in der Euphorie des Gipfelsturms unterschätzt.

Gudrun Bruckner

 




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