Was ich bin


Es ist 20:45, und ich habe noch immer keinen passenden Schlafplatz für heute Nacht gefunden. Der Pfad ist schmal und führt mich in die Höhen der Berge. Der Sonnenuntergang, welcher mir bei meinem nächtlichen Berglauf meinen Weg erleuchtet, ist einer der schönsten den ich je erleben durfte. Er verwandelt den dunklen See unten im Tal, in ein kitschiges, rosarotes Glitzern. Jeder Felsen um mich herum leuchtet in warmen gelb um die Wette mit der untergehenden Sonne. Es scheint, als würde der vorübergehende Tag noch ein letztes mal all seine gesammelte Schönheit ausstrahlen wollen.

Das Staunen versetzt mich in Stillstand.

Das Licht bricht die Zeit.

Die Zeit erlischt.

Der Moment taucht mich in ruhende Wärme.

Ich verschmelze mit ihr und vergesse mich in ihr.

Bis uns die Schatten einholen. Der Tag, der Nacht weicht.

Als ich meine Augenlider durch die kühle Dunkelheit die mich umhüllt, aufreiße, liege ich bereits in den Armen der Finsternis. Elegant husche ich in einen Felsvorsprung neben mir und verschwinde in einer versteckten Mulde oberhalb. Das ist mein Schlafplatz für heute Nacht. Ein Schlafplatz, schöner als ich ihn mir erträumen konnte. Die Dunkelheit bringt das Licht der Sterne mit sich, welche durch den klaren Bergsee ihr Strahlen verdoppeln. Tausend Welten treffen aufeinander.

Ich trete mit dem Schweigen der Finsternis in Einklang.

Die Zeit ist erneut erloschen.

Ich schließe meine Augenlider und tauche in mich ein.

Bin das Licht und die Finsternis. Bin 1000 Sterne zugleich.

Judith Kapeller




Comments (One comment)

  • Alicia Cuche
    04/09/2018 at 09:33

    Beautifully written. I can get the the picture and the feeling. Nicely done!

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