Monte Leone


Es war ein kühler Morgen und der Wind blies mir die Gletscherluft direkt in die schlaftrunkenen Augen. Das Gras war noch nass vom nächtlichen Regen und hinterliess kalte, dunkle Flecken auf der hellbraunen Wanderhose, wenn man ihm zu nahe kam. Glücklicherweise hielt der Weg sich breit, sodass die noch vom Vortag steifen Beine sich langsam aufwärmen konnten. Der Pfad verlief in weitem Bogen weg von den Steinhütten der Alpe Veglia, vorbei am Steinmassiv des Monte Leone, dessen vergletschertes Haupt in der Morgensonne badete, um dann plötzlich in einem schmalen, rasch abfallenden Tal zu verschwinden.

Zu meiner Linken lief Toni, ein gross gewachsener Deutscher aus Dresden. Ihm schien die Kälte nichts auszumachen, er trug nur ein dünnes langärmeliges Oberteil und setzte seine langen Schritte in zügigem Tempo. Erst vor drei Tagen hatte er die Grande Traversata delle Alpi begonnen, das hatte er am vorigen Abend bei einem Bier erklärt. Meine Mutter Eva und ich hatten für dieselbe Strecke fünf Tage benötigt und das war auch schon kein Spaziergang gewesen. Mindestens zwei Tagesetappen bringt Toni pro Tag hinter sich. Wandern in den Alpen sei sein Weg, um Abstand von seiner Arbeit als Atmungstherapeut auf einer Intensivstation zu bekommen. Der Versuch, diesen Zusammenhang in seinem holprigen Englisch mit starkem deutschen Akzent zu erklären, damit auch die anwesenden Italiener ihn verstünden, scheiterte jedoch kläglich. Russisch habe er in während seiner Schulzeit in der DDR gelernt, keine romanischen Sprachen und leider auch kein Englisch.

Da Eva an diesem Tag eine Pause für ihre kaputten Knie brauchte, durfte ich Toni auf dem ersten Teil seines Gewaltmarsches begleiten. Schliesslich ist es sicherer und sicherlich unterhaltsamer, zu zweit in den Bergen unterwegs zu sein. So also nahmen wir gemeinsam den Weg hinab in das steile Tal. An einer kaum erkennbaren Abzweigung zweigte ein schmaler Pfad rechts vom breiten Weg ab und führte uns an einem steilen Hang entlang. Zwischen Lärchen und Buchen erzählte mir Toni von Dresden und seiner Kindheit im Ostdeutschland. Von Verwandten im Westen bekamen er und seine Geschwister alles Mögliche geschickt, von Honig über Spielsachen bis zu Waschpulver. Je nach Stimmung und Gewissenhaftigkeit der Grenzbeamten war alles durchstochen und vermischt, als es ankam. Die Spielsachen liessen sich abwaschen, Honig und Waschmittel waren jedoch nicht mehr zu gebrauchen. Auch Kleider wurden über die Mauer geschickt, modische Bluejeans und schick geschnittene Oberteile. Einmal bekam Toni eine Jacke mit einer aufgenähten amerikanischen Flagge auf dem Ärmel. Als er diese mit neun Jahren in der Grundschule anzog, wurde er von der Lehrperson vor die Klasse zitiert, um zu erklären, wieso er Propaganda für den Kapitalismus betreibe. Als er wenige Tage später zu seiner im Schulflur aufgehängten Jacke kam, fand er an dem Ärmel nur noch einen Fetzen abgerissenen Stoffs.

Der Hang wich einer weiten Wiese, die sich nach einer Mulde langsam und hügelig in die Höhe erhob. Schon konnten wir den Pass in der Höhe erahnen. Unten in der Mulde trafen wir auf einen seltsam anmutenden älteren Herrn mit langem silbrigem Haar. Er wirkt etwas knorrig, wie ein schweigsamer Einsiedler oder ein weitgereister Seemann. Er schien sich mental für den Aufstieg zu sammeln, daher wechselten wir kein Wort, während wir an ihm vorbeizogen.

Einige hundert Höhenmeter später stiessen wir auf eine verlassene Alp mit mehreren steinernen Häusern. Mauer, Treppe, Dach – alles war aus grauem Schiefer erbaut. Wir legten unsere Rucksäcke und Wanderstöcke ab, assen Haselnussschokolade und füllten unsere Flaschen an einem steinernen Brunnen. Von hier aus ging es nun steiler hinauf, zuerst an weidenden Kühen vorbei, dann über Geröllhalden und durch Gestrüpp bis wir endlich zum Pass gelangten. Eine wunderbare Aussicht bot sich von dort, hinter uns der Monte Leone, der sich uns in der strahlenden Mittagssonne stolz und in voller Grösse entgegenstreckte. Vor uns lagen tiefe Täler, die sich in Richtung Italiens erstreckten. Hier hatten sich vor langer Zeit die Valser niedergelassen und von hier unternahmen sie ihre jährliche Pilgerreise zum Kloster Einsiedeln in Schwyz. Gerade wollten wir uns zu einer gemütlichen Pause niederlassen, als Toni bemerkte, dass seine Stöcke fehlten. Wir blickten nach unten und tatsächlich: Von oben konnte man nur zwei dünne schwarze Striche erahnen, aber es waren Tonis Stöcke, die an dem Brunnen lehnten.

Während Toni noch einmal zum Dorf hinabstieg, genoss ich das Panorama. Bald kam auch der Silberhaarige auf den Kamm, allerdings liess er sich an einem tieferen Punkt nieder. Trotz der brennenden Mittagssonne wurde es nie zu hiess, ein angenehmer Wind aus dem Süden sorgte für eine entspannte Rast. An einem Stückchen Brot und Alpkäse knabbernd, schaute ich immer wieder hinab zum Brunnen, um zu kontrollieren, ob die Stöcke noch dort waren. Als Toni endlich den Berg hinaufgestiegen kam, hielt er beim Seemann und unterhielt sich einige Minuten mit ihm. Wegen des Windes verstand ich nichts vom Gespräch, aber Toni erzählte kurz nachdem er zu mir aufgeschlossen war, dass der Silberhaarige ein Amerikaner sei, der gerne in die Alpen zum Wandern gehe. Überrascht fragte ich nach, wie er darauf komme, schliesslich sei er ja vom Aussehen kein typischer Amerikaner. Na ganz einfach, erklärte er, sie hätten schliesslich ein Gespräch auf Englisch geführt und er habe den Akzent des Silberhaarigen erkannt.

Der Amerikaner lief vor uns los, erstaunlich schnellen Schrittes für sein Alter und Aussehen. Toni und ich konnten ihn schon bald nicht mehr sehen und holten ihn auch nicht mehr ein, während wir über wunderschöne Sommerweiden und Blumenwiesen wanderten. In der Ferne glitzerten die Schneefelder der Walliser Viertausender. Im hohen, trockenen Gras versteckten sich tausende Heuschrecken und Zikaden, die ein ohrenbetäubendes Zirpen von sich gaben. Wir kamen an eingefallenen und verbrannten Steinhütten vorbei, und schliesslich näherten wir uns dem Wald. Mit den ersten Bäumen würde der steile, knochenbrechende Abstieg zum schweizerischen Schmugglerort Gondo, am Fuss des Simplonpasses gelegen, beginnen. Wir feuerten also ein letztes Mal unsere Knie an und überprüften die Abstiegszeit, als plötzlich eine rauchige Stimme aus dem Schatten einer Lärche hervordrang. “Ach nee, ihr schnackt ja auch Deutsch!” Im tiefsten Hamburger Platt begann der Silberhaarige auf uns einzureden. Der erschrockene Gesichtsausdruck auf Tonis Gesicht wandelte sich in ein verschmitzes Grinsen, als er in seinem breiten Sächsisch zu einer Gegenantwort ausholte…

Sebastian Albermann

 




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